Altmännergeschreibsel bei fallendem Testosteronspiegel

Lieber Jürgen Schreiber,

was war mit Dir los am 2. Mai? Ärger mit der Gattin zuhause? Beginnendes Burn-Out Syndrom? Aufkeimende Midlife-Crisis?

Wolltest Du nun über die Musik der Gruppe Asia im Colos-Saal schreiben oder ein Abhandlung über Gerontologie in der Rockmusik? Fassen wir doch mal Deinen Artikel im Main-Echo Kulturteil zusammen:

„Altherren-Riege in Augenblicks-Hitze.“ Der größte Erfolg der Band „liegt nun schon fast 30 Jahre zurück“. „Rockdinosaurier (…) nach dem Abstieg aus der Champions League des Musikbusiness (…) mit einem an Jahren nicht minder reifen Publikum.“ „John Wettons Stimme (hat) in fast 40 Jahren Karriere nur wenig an Timbre und Ausdruckskraft eingebüßt, auch wenn der in die Jahre gekommene einstige Frauenschwarm physiognomisch inzwischen eher wie der Zwillingsbruder von Gunter Gabriel herüberkommt.“ „Der spindeldürre Ex-Yes-Gitarrero Steve Howe versprüht (…) seit jeher den Charme eines Bestattungsunternehmers, wozu die inzwischen schlohweiß-schüttere Haarpracht ihr Übriges tut.“ „Unter Vierzigjährige hatten sich an diesem Abend kaum in den Colos-Saal verirrt – und wenn, dann dürften sie sich wie bei einem Seniorentanztee im vierten Gang vorgekommen sein.“ Es darf bezweifelt werden, „dass es noch ein weiteres Mal Gelegenheit geben wird, die betagten Recken dahier live zu erleben.“

Tja Jürgen, was hast Du eigentlich erwartet?
Rechne doch mal! Die Rockmusik ist nun gute 55 Jahre alt. Elvis wäre 75 und Chuck Berry ist heute 84. Alle Woodstock-Pilger und 68er haben die Rentengrenze überschritten oder machen das in Kürze. Auch Du, Jürgen, scheinst mir nicht mehr der Frischeste zu sein und wirst wohl demnächst eine 5 ganz vorne stehen haben. Und doch bist Du ein gestandener Rocker, der sich durchaus auskennt. Jetzt aber Hand aufs Herz, man wird ja nicht jünger: Wirst Du uns, der internationalen Community der Altrocker, irgendwann untreu werden? Wirst Du künftig Mozart hören oder Karl Moik gucken? Kaufst Du Dir mit 60 New Age-Music oder heimlich Deutsche Schlager?

Und was machen wir beide und die vielen Asia-Fans in ein/zwei Jahrzehnten beim Seniorentanztee? Wünschen wir uns beim DJ „Oh Du schöner Westerwald“ oder rocken wir mit Rollator bei „Smells like Teen Spirit“, „I can’t get no Satisfaction“ und „Heat of the Moment“. Gute Frage, oder?

Laut Focus Online verlieren Männer ab 30 jährlich etwa ein Prozent ihrer Fähigkeit, Testosteron zu produzieren, dies mit fatalen Folgen: Du, Jürgen, ich und alle anderen Männer werden einstige Frauenschwärme mit schlohweiß schütterer Haarpracht und ebenso betagte Recken. Insofern hast Du in Deinem Artikel eigentlich nur Binsenweisheiten an Deine Leser verkauft. Sprich: wir alle werden täglich älter, Rockmusiker auch. Toll!

Aber lass uns die Geschichte doch mal anders angehen: Warum gehen denn eigentlich mittlerweile zur klammheimlichen Freude der Musikindustrie immer mehr reifere, angejahrte, graumelierte Fans in Rockkonzerte? Warum ist das Live-Geschäft mit Rockbands so attraktiv für ein Massenpublikum jenseits des Twen-Alters geworden? Warum pilgern 30er, 40er, 50er und 60er zu saulauten Musikevents in überfüllte Hallen und Clubs, rocken dort zwei Stunden ab und genießen das am Ende auch noch?

Weil es geil ist, lieber Jürgen! Laut, warm, stickig, viele Menschen beiderlei Geschlechtes, große Emotionen, good vibrations, Spaß, Freiheit, Freizeit, Lust und vor allen Dingen: unsere Musik, unsere Erinnerung und unsere Gegenwart. Das verhindern auch keine starken, prozentualen Testosteronverluste. Und da ist noch was, liebe Kulturredakteure, die ihr so gerne über das „reifere Publikum“ und „angegraute Künstler“ schreibt: nach bald 60 Jahren Rockmusik hat es sich vielleicht nicht in Eurer Berufsgruppe, aber bei vielen Musikinteressenten herum gesprochen, dass beispielsweise ein 50 jähriger Musiker ziemlich genau 30 Jahre mehr Zeit hatte, zu üben, als ein 20 Jahre alter, derzeit angesagter Rockstar. Und wenn ersterer sich in seiner Musikerlaufbahn nicht die Leber weggesoffen und das Hirn heraus gekifft hat, spielt der schlicht und einfach wesentlich besser als zu seinen vermeintlichen Glanzzeiten. Und ehrlich gesagt ist mir in dem Zusammenhang die Frisur des Musikers völlig schnuppe. Manchmal hilft es dem Redakteur durchaus bei seiner Konzertberichterstattung ein wenig zuzuhören, statt die Falten in den Gesichtern der Fans zu zählen.

Jürgen Schreiber, jetzt überleg doch mal. „Müssen“ die alten Bands „landauf, landab durch die Clubs tingeln“? Oder stehen die vielleicht sogar drauf? Stell Dir doch einfach mal vor, Du zeigst Deine ureigenen kreativen Ideen jeden Abend – egal wo Du auf der Welt hinkommst – vor Hunderten entzückter Fans, die Dich feiern und steckst dabei noch jeden Abend den Monatslohn eines Lokalredakteurs in die Tasche der ausgebeulten Jeans.  Könnte Dich das eventuell reizen? Sowas hebt durchaus auch wieder den Testosteronspiegel, zumindest fühlt es sich so an, vermute ich.

Und jetzt bin ich wirklich sehr auf Deine nächsten Artikel gespannt!

3 Gedanken zu „Altmännergeschreibsel bei fallendem Testosteronspiegel“

  1. Im Übrigen wäre auch die Tatsache eine Erwähnung wert, dass sich Menschen jeden Alters immer wieder freuen, auch Legenden der (Rock-)Musik -die dann seltsamer Weise auch schon fortgeschrittenen Alters sind- im Colos-Saal (nochmal) live erleben zu dürfen. Da ich zu deren “Glanzzeiten” nunmal noch lange nicht geboren war -Jahrgang 88-, bin ich heilfroh über die Unermüdlichkeit so mancher Altmusiker!

    Ich war zwar nicht bei Asia, dafür habe ich mich unglaublich über den Auftritt von Blood, Sweat & Tears gefreut, bei denen wohl zumindest Steve Katz zur Riege der “Rock-Dinosaurier” gezählt werden kann.
    Logisch, dass der Altersdurchschnitt im Publikum bei solchen Konzerten auch um einiges höher liegt als zu anderen Anlässen, da ist wohl jeder Kommentar überflüssig. Allerdings bemühen wir (meine Schwester und ich als ständiges Duo) uns, als regelmäßige Colos-Saal-Gänger mit breitgefächertem Geschmack den Altersdurchschnitt wieder ein bisschen abzusenken;-)
    Und wenn die Seniorentanztees der Zukunft SO aussehen, freue ich mich schon drauf!

    (Trotzdem mussten wir uns bei besagtem Konzert verwirrten Altfans gegenüber gleich mehrmals für unser Dasein rechtfertigen :D )

  2. ich finde es echt lächerlich das teilweise kleine clubs wie der colossaal als “absteige” für bands betitelt werden. warum sollen bands immer nur in riesigen arenen etc. spielen anstatt in kleinen intimen clubs? der wahre musiker schätzt den kontakt mit seinen fans und dem publikum und ihm ist es tausend mal lieber vor 200 als vor 20000 leuten zu spielen. aus diesem grund ist auch 1992 john frusciante bei den peppers ausgestigen, weil ihm alls zu groß wurde. (david knopfler usw.)
    neulich kam auf bayern 2 ein eventipp u.a. empfahlen sie das konzert von moneybrother bei euch. der moderator hämisch: “naja der schwede hat auch schon bessere zeiten gesehn das zeigt sich daran das er schon in aschaffenburg spielt.”
    sehr warscheinlich war der vorlaute mitzwanziger ohne jegliche musikerfahung noch nie im colos gewesen, sonst hätte er nicht so ein dämlichen spruch rausgehaun.

    lasst euch von solchen “musikjournalisten” nicht unterkriegen, ihr seit einfach toll!

    daniel

    viele grüße

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