Jack The Bottle Ripper ist ein Phantom
Eine Meldung und ihre (lange) Geschichte
Montag, 1. Februar, 6.15 Uhr, Kleinwallstadt:
Euer Lieblingsveranstalter sitzt am Küchentisch. Bin Frühaufsteher und genieße die Ruhe des noch jungen Tages. Morgenstund hat Gold im Mund, bei mir ist es eher ein Croissant, das allerdings ziemlich bald gemäß den Gesetzen der Schwerkraft einen speichelversetzten, ungeordneten Sturzflug antritt, just in dem Moment, in dem meine Augen über das Wort „Colos-Saal“ im montäglichen Polizeibericht des Main-Echo stolpern.
Schlechte Presse – gaaaaaanz schlechte Presse. Wenn ich alles richtig kapiere, hat ein durchgeknallter Amokläufer am vergangenen Wochenende gleich zwei meiner Gäste mit einer abgebrochenen Bierflasche krankenhausreif aufgeschlitzt und die Fahndung läuft auf Hochtouren. Das steht zwar so nicht ganz in der Meldung, aber ich und sämtliche andere Abonnenten unserer Heimatzeitung werden die Meldung genau so verstehen. Auch ein gewisser Main-Echo Redakteur liest die Nachricht im eigenen Blatt so – wie sich im späteren Verlauf noch zeigen wird.
Erste Reaktion: Mein Gott (in diesem Falle verwendet der agnostische Autor diesen Ausspruch ein wenig gedankenlos), was ist den armen Verletzten passiert?
Zweite Reaktion: Wie konnte das passieren?
Dritte Reaktion: Ich bin stocksauer auf mein Team, hatte nämlich die letzten beiden Tage ein arbeitsreiches freies Wochenende und man hätte mich schon längst mal alarmieren müssen.
Montag, 1. Februar, 10.15 Uhr, Büro, Aschaffenburg, Colos-Saal:
Die komplette Frühschicht ist versammelt und Euer Lieblingsveranstalter ist, da gibt es nichts zu beschönigen, ziemlich angepisst. Wie es denn sein kann, dass in unserem Laden Blut fließt, ich das nicht von meinen Kollegen erfahre, sondern aus meiner hochgeschätzten Tageszeitung und ob hier das komplette Team inklusive der Security gepennt hat und einen Straftäter ungeschoren und unerkannt entkommen lässt – so ungefähr lautet meine Verbalexplosion.
Pamela, wie immer supercool und rotzfrech, hatte noch nicht das zweifelhafte Vergnügen der Morgenlektüre, versteht nur Bahnhof und gibt ihrem Boss recht ungeschminkt zu verstehen, dass er erst mal wieder runter kommen soll. Da war nix, eher das Gegenteil, ein ungewöhnlich und schlecht besuchter, fast schon langweiliger Abend. Ziemlich übersichtlich. Ja, doch, man habe zweimal zum Erste Hilfe Kasten greifen müssen und Security-Mac habe fachmännisch zwei kleine Verbände angelegt. Beide Verletzte hätten von Unfällen und Dappigkeiten berichtet, aber keiner von einem Angriff oder einer Aggression, geschweige denn von einem Täter.
Ja super, und wieso stehen wir dann fett im Polizeibericht? Ei da musst Du die Polizei fragen und nicht mich, meint Pamela, die Kühle, mittlerweile schon ein wenig angezickt. Gute Idee eigentlich! Ich wähle die angegebene Nummer für sachdienliche Hinweise aus der Bevölkerung, ein netter Herr Freund am anderen Ende, Sachbearbeiter und Ermittler in diesem „Fall“. Mein Hinweis, so erkläre ich ihm, ist, dass es keine Hinweise gibt – zumindest nicht auf einen Täter, Gewalt, Auseinandersetzung, Schlägerei, Rauferei, Anschlag. Zehn Mann und Frau anwesendes Personal und keiner hat was gesehen, niemand hat sich beschwert. Da kann doch was nicht stimmen?
Man hätte ja auch nur eine Geschädigte gehabt, die nicht so genau aussagen konnte, woher ihre Schnittwunde kam, so der Herr Freund aus der Polizeiinspektion, die habe aber ausgesagt, sie hätte im Krankenhaus, wo ihre Wunde tatsächlich genäht werden musste, einen jungen Mann getroffen, ebenfalls mit Schnittverletzung, der ihr berichtet hätte, er käme auch gerade aus dem Colos-Saal. Dies habe sie, wieder zuhause, ihrem Vater erzählt, der dann erschrocken mit ihr noch in der Nacht auf die Wache gefahren sei und Anzeige gegen Unbekannt erstattet habe, wohl in der Annahme, da sei ein Irrer im Colos-Saal unterwegs, der wahllos Leute attackiere.
Aber, so Herr Freund, er könne mich beruhigen, der Fall sei schon zur Hälfte aufgeklärt und möglicherweise gar kein Fall. Vor wenigen Minuten habe nämlich der zweite Geschädigte sich bei ihm gemeldet. Selbiger habe nämlich auch das Main-Echo gelesen und sich sofort bei ihm gemeldet. Er sei beim Tanzen unglücklich gestürzt und in eine Glasscherbe gefallen, es hätte gar keinen Angriff gegeben sondern nur einen kleinen Unfall.
Ja und warum dann solch eine heftige Pressemeldung veröffentlicht wird, will ich noch von meinem Telefonpartner erfahren? Das wisse er auch nicht, er habe sie ja nicht geschrieben. Aber für ihn sei der Fall quasi abgeschlossen, zumal die junge Dame mit der Verletzung ihm ja auch als eine der möglichen Varianten geschildert habe, dass es durchaus so hätte sein können, dass sie mit jemandem zusammengestoßen sei, der gerade in bester Absicht eine heruntergefallene und zerbrochene Flasche entsorgen wollte. Sie wisse einfach nicht genau, was passiert sei.
Er, Herr Freund, werde die Ermittlung wohl einstellen. Und dann, etwas überraschend für mich, meint er noch, ich solle mir keine Sorgen machen, denn die Aschaffenburger Polizei mache mit dem Colos-Saal eigentlich „nur gute Erfahrungen“. Das geht natürlich runter wie Öl und meine ursprüngliche Absicht, mich heftig über einen offensichtlich völlig falschen Pressebericht zu beschweren, schwindet ob der ungeahnten Schmeichelei.
Was will man auch machen. Das Ding steht in der Zeitung, ein paar Tausend Leser werden sich über die Zustände im Colos-Saal gruseln und das Main-Echo wird nicht im Traum daran denken, diese Meldung zu widerrufen.
Ist der Ruf erst ruiniert ….
Dienstag, 2. Februar, 14.30 Uhr, Colos-Saal Büro:
Mitten in der üblichen Bürohektik taucht ein hochgewachsener junger Mann auf, schwer bewaffnet und in grüner Uniform. Kurzer Schreck, dann Coolio Pamela: „Werde ich gleich verhaftet, oder kann ich den Satz noch zuende schreiben?“ Das übliche Ritual halt, gibt es unter unseren Stammgästen jede Menge Polizisten, die sich immer wieder mal den Spaß erlauben, in voller Montur ins Büro zu platzen, immer einen Spruch auf den Lippen, um sich Tickets zu kaufen. Ich kenne den Mann und verwickle ihn in ein kurzes Gespräch über die falsche Pressemeldung, die mich immer noch nicht kalt lässt. Erfahre dabei, dass am Wochenende die Beamten selbst ihre Berichte für die Öffentlichkeit schreiben müssen, nicht die offizielle Pressestelle. Und es klingt durch, dass das wohl gar nicht im Sinne der Kollegen sei, denn man habe genug Wichtigeres zu tun.
Donnerstag, 4. Februar, 6.30 Uhr, Kleinwallstadt, Küchentisch, Croissant, fällt wieder runter:
„Fast jedes Wochenende Schlägerei“
brüllt mir das Main-Echo in fetten Lettern entgegen. Das war zwar nicht der Grund für erneuten Croissant-Totalverlust und die ekelhaften Brösel im Morgenkaffee, in dem sich die Backware gerade in ihre Bestandteile auflöst, sondern die einleitende Begründung für den Artikel. Main-Echo Redakteur Josef Pömmerl hat Blut gerochen und nimmt die Spur vom Montag wieder auf. Offensichtlich hat er seine Tageszeitung studiert und die Meldung vom Montag genau so verstanden, wie ich. Und er beginnt seinen Artikel mit den städtischen Attraktionen des vergangenen Wochenendes: „Ein 20-Jähriger bei einer Schlägerei schwer verletzt, zwei weitere Menschen von einem Unbekannten mit einer abgebrochenen Flasche verwundet …“!
Super Einleitung, Pömmerl hat meine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Den Colos-Saal als Tatort lässt er zwar weg, aber der Leser ist ja nicht blöd. So viele Flaschenattentate gibt es ja nun mal auch nicht im Städtchen.
Schlechte Presse – gaaaaaanz schlechte Presse!
Bravo, journalistische Glanzleistung von Herrn Pömmerl. Nebendran ein Bild einer Flasche am Boden, dahinter verschwommen zwei Polizisten mit einem Kerl in Handschellen, der gerade abgeführt wird. Das Foto ist von der dpa und garantiert nicht in Aschaffenburg aufgenommen. Bildunterschrift: „Auch in Aschaffenburg spielen sich ähnliche Szenen fast jedes Wochenende ab.“
Ich habe urplötzlich die Vision tausender Main-Echo-Leser, deren Croissants sich in schwarzer Brühe auflösen, unzählige zutiefst erschrockene Großväter und -mütter, die in der nächsten Zeit mit Sicherheit die Aschaffenburger Fußgängerzone vermeiden werden, jede Menge Erziehungsberechtigte, die heute noch ihrem Nachwuchs erklären werden, dass er/sie nicht mehr nachts in die Stadt darf und schon gar nicht in den Colos-Saal. Gute Arbeit, Herr Pömmerl. Sowas beruhigt die Innenstadt mehr als sämtliche Freundlichen Uffbasser zusammen.
Zwar hat Josef völlig vergessen, seine einleitenden Behauptungen mal nachzurecherchieren. Der freundliche Herr Freund hätte ihm sicher hierzu was Neues erzählt. Auch erfährt der geneigte Leser weiter unten im Artikel, dass es in Aschaffenburg im Vergleich zu anderen Städten gar nicht so wild ist, wie die spaltenlangen Polizeiberichte der Main-Echo Montagsausgaben mit ihren geballten Horrormeldungen den eher älteren Lesern der Zeitung jede Woche neu suggerieren. Aber der Colos-Saal hat schon wieder sein Fett weg.
Blöd nur, dass die Einleitung des Artikels einfach nicht stimmt, aber das weiß zu diesem Zeitpunkt nur das Colos-Team und der Herr Freund.
Euer Lieblingsveranstalter ist auf 180. Tolle Öffentlichkeitsarbeit für seinen Laden, der sich doch eigentlich in Späthippiemanier peace and love and happiness auf die Fahnen schreibt. Nein, das kann er nicht auf sich sitzen lassen! Eine ziemlich schräge und in der Grundtendenz komplett falsche Polizeimeldung als Grundlage für einen PR-SuperGAU, nun auch noch als Fortsetzungsroman.
Freitag, 5. Februar, 13.30 Uhr, Colos-Saal Büro:
Immer mehr Freunde und Gäste sprechen uns auf die Artikelserie an, nach dem Motto: „Habt Ihr Euren Laden nicht mehr im Griff?“ Mir reicht’s, ich greif zur Tastatur und hacke eine e-mail ans Main-Echo in den Computer.
Doppelüberschrift: Zweimal falsch macht es nicht richtig!
“Jack The Bottle Ripper” im Colos-Saal ist ein Phantom!
Ich erkläre kurz den Sachverhalt und meine eigenen Recherchen und schließe mit den Sätzen:
„Ebenso wie ich hätte Herr Pömmerl bei der ermittelnden Stelle anrufen können, bevor er zum zweiten Mal zum Gespenst des Phantoms greift und hätte dort wahrscheinlich das Gleiche erfahren, wie ich. Da der Colos-Saal also zu Unrecht im Main-Echo als Hort der Gewalt genannt wurde, erwarte ich von der Stadtredaktion eine Richtigstellung!“
Nix passiert. Keine Antwort, keine Reaktion. Weder am Freitag noch am Samstag. Ich werde langsam sauer.
Sonntag, 7. Februar, 10.00 Uhr, Kleinwallstadt, Wohnzimmer, kein Croissant:
Main-Echo, so nicht! Die nächste Mail geht raus, diesmal gleich an mehrere Redakteure.
Wortlaut: „Hallo Stadtredaktion, nicht aussitzen, bitte! Der Anstand gebietet eine Richtigstellung. Ich werde es auf keinen Fall zulassen, dass diese Geschichte einfach so stehen bleibt. Es kann nicht sein, dass eine unwahre Geschichte den Colos-Saal als einen Ort darstellt, in dem ein Gewalttäter einfach ungestraft Menschen mit einer Flasche angreifen kann und unser Personal nicht eingreift.
Falls ich bis Dienstag nichts dergleichen im Main-Echo gelesen habe, werde ich an nicht zu übersehender Stelle auf www.colos-saal.de selbst Öffentlichkeit herstellen. Diese Seite hat auch mehrere Tausend Zugriffe pro Woche.“
Und endlich zuckt die Redaktion. Die Redaktionsleiterin Stadt, Gabriele Fleckenstein höchstselbst, lässt sich zu einer Antwort herab und antwortet per e-mail, für meinen Geschmack ein wenig pampig, wie folgt: „Sehr geehrter Herr Berninger, abgesehen davon, dass das Main-Echo den Colos-Saal mit keiner Silbe als “Hort der Gewalt” dargestellt und sich in beiden Beiträgen auf eine bisher nicht korrigierte Meldung der Aschaffenburger Polizei bezogen hat (wobei im Artikel von Josef Pömmerl der Colos-Saal nicht einmal namentlich genannt wird), werden wir dem Fall natürlich nachgehen. Allerdings habe ich Ihre erste E-Mail erst am Freitagnachmittag erhalten, der Polizeisprecher war da nicht mehr zu erreichen, was auch für den heutigen Sonntag gilt. Wir werden also morgen versuchen, Licht in dieses Dunkel zu bringen und dann entscheiden, was zu tun ist.
Bis dahin muss ich Sie um Geduld bitten.“
Aha, das Main-Echo will’s nicht gewesen sein und Recherche braucht es bei hochoffiziellen Polizeiberichten wohl nicht. Mir kommt das gelinde gesagt schon ein wenig exotisch vor, wie Frau Fleckenstein ihre journalistische Arbeit definiert. Aber okay, „Licht ins Dunkel“ klingt verheißungsvoll. Will ich auch.
Ich pampe per e-mail gleich ein wenig zurück, schildere meine eigenen Recherchen, insbesondere das Telefonat mit Herrn Freund und schließe mit den Worten: „Hier ist einfach nicht mit journalistischer Sorgfalt gearbeitet worden und zwar gleich von zwei Seiten. Herr Baumann, der Pressesprecher der Polizei ist morgen ab 7 Uhr wieder am Arbeitsplatz und ich werde ihm mit Sicherheit auch meine Beschwerde überbringen.“
Es gibt ganz viele nette Menschen im Main-Echo. Nur scheint es so, als werden die dort alle nichts. Man muss mit seinen Redaktionsleitern leben, wie sie halt sind. Ich habe in meiner „Amtszeit“ schon viele verschlissen, das ist jetzt die Vierte, wenn ich richtig gezählt habe. Da kommen dann noch drei Chefredakteure dazu, zwei Kulturchefs, zwei Oberbürgermeister, zwei Stadtdirektoren, zwei Kulturamtsleiter, vier verschiedene Brauereifirmen und eine Seniorenresidenz in der Nachbarschaft sowie sage und schreibe sechs Statdthallenchefs … aber das bringt uns jetzt vom Thema ab.
Sonntag, 7. Februar, 11.30 Uhr, Kleinwallstadt, am Briefkasten:
Prima-Sonntag verstopft wieder sinnloserweise das Postfach und ich entsorge das Ding fachgerecht in der Altpapiertonne, nicht ohne heimlich und unsichtbar für sämtliche Nachbarn einen Blick auf die Titelseite geworfen zu haben. Ich schwöre an dieser Stelle bei Gott (nicht schon wieder, die katholische Früherziehung kriegt man irgendwie nicht weg), dass ich diese Zumutung für die CO2-Belastung unserer Welt niemals nicht durchlese, sondern immer nur einen schnellen Blick auf das Titelblatt werfe. Aber das Main-Echo scheint der Konkurrenz das Thema weggeschnappt zu haben. Diesmal keine „Blutnächte in Aschaffenburg“. Das beruhigt mich für kurze Zeit.
Montag, 8. Februar, früher Nachmittag, Colos-Saal Büro:
Mail von Gabriele Fleckenstein, diesmal freundlicher, Kriegsbeil wieder eingegraben, fast schon verdächtig: Sie bittet noch um Geduld, der ermittelnde Beamte sei heute nicht im Dienst. Antwort vom Colos-Saal Account: Fristverlängerung wird gewährt. Den Anruf bei der Polizei vergesse ich in der Hektik des Tages.
Dienstag, 9. Februar, 9.23 Uhr, Kleinwallstadt, Wohnzimmer:
Das Croissant ging heute früh den ihm zugedachten üblichen Weg, aber irgendwie liegt’s schwer im Magen. Da war doch noch was? Genau! Die Beschwerde bei der Polizei. Ich will Schwung in die Sache bringen und schreibe nicht der Pressestelle, sondern dem örtlichen Polizeichef Bruno Bozem. Von oben nach unten geht es schneller in den Behörden, so meine langjährige Erfahrung. Ablagefächer sind geduldig. Schauen wir mal!
Dienstag, 9. Februar, früher Nachmittag, Colos-Saal Büro:
Anruf Bruno Bozem, Dienststellenleiter der PI Aschaffenburg. Formvollendet und sehr freundlich. Es folgt eine astreine Entschuldigung. Er sei „gar nicht glücklich“ über die ursprüngliche polizeiliche Pressemitteilung und wird diese Vorgehensweise „intern ausgiebig diskutieren“. Er bitte trotzdem um Verständnis, die Nennung des Colos-Saal sei unumgänglich gewesen, sei man doch aufgrund der Angaben der jungen Dame, wonach es einen zweiten Verletzten gegeben habe, tatsächlich zunächst von einem „Täter“ ausgegangen. Ob man denn die Angaben der Frau mit einem Anruf im Klinikum überprüft hätte, wollte ich noch wissen. Das sei ihm zur Stunde noch nicht bekannt, aber möglicherweise sei das genau der Fehler, der polizeiintern gemacht wurde. Er, Bruno Bozem, werde nun eine Richtigstellung des Sachverhaltes in Auftrag geben und an das Main-Echo übermitteln.
Na also: geht doch! Wirklich nette Menschen dort drüben im Lorbeerweg. Ich bin schon fast nicht mehr sauer. Die Polizei, Dein Freund und Helfer ….
Dienstag, 9. Februar, später Nachmittag, Colos-Saal Büro:
Nochmal Bruno Bozem in der Leitung. Die Richtigstellung sei geschrieben, ob ich denn mal drüber lesen wolle, bevor sie ans Main-Echo geht. Der Mann hat sich die Beschwerde offensichtlich wirklich zu Herzen genommen und ist bemüht, die Geschichte auszubügeln. Daher verneine ich großzügig mit der Begründung, er habe mir ja vorhin zu verstehen gegeben, dass er meine Beschwerde für berechtigt hält. Ich hätte volles Vertrauen in seine Richtigstellung, wäre aber sehr gespannt darauf, was das Main-Echo daraus letztendlich mache. Denn ich hatte so gewisse Vorahnungen …
Mittwoch, 10. Februar, 6.45 Uhr, Kleinwallstadt, Küchentisch:
Ihr ahnt es schon. Das Main-Echo schuldet mir nun das dritte Croissant in Selbstauflösung. Ich habe schon genug graue Haare und diese Eröffnung brauche ich wirklich nicht: „Die Polizei sucht weiter Zeugen eines Zwischenfalls, bei dem in der Nacht zum 30. Januar eine 18-jährige im Colos-Saal eine Schnittverletzung am Arm erlitten hat (wir berichteten).“ Das Ende des Artikels ist auch nicht viel besser: „Man ermittle weiter, ob ein irgendwie geartetes Fremdverschulden zu Grunde lag“.
Jetzt reicht es aber. Hat die Redaktion noch alle Tassen im Schrank? Gabriele Fleckensteins bringt mit einem neuen Fahndungsaufruf „Licht ins Dunkel“. Aus der verlangten Richtigstellung wird der dritte Artikel, in dem der Colos-Saal kräftig gedisst wird. Welches Problem hat diese Frau nur?
Jetzt ist aber gut. Drei Mails gehen raus. Nummer eins bittet Bruno Bozem um die Originalmeldung der Polizei, Nummer zwei und drei unser Webteam Jürgen & Till um die sofortige Einrichtung eines Blogs auf colos-saal.de, aber bitte presto und möglichst schon seit gestern. Bruno, Jürgen und Till sind zackig. Schon am Vormittag kam die Polizeimeldung, am Nachmittag die Vollzugsmeldung von Till mitsamt telefonischer Schnellsteinweisung.
Und ab heute, 15.30 Uhr gibt es die ganze Wahrheit. Das Main-Echo kann mich mal. Die Redaktionsleitung sitzt auf einem ziemlich hohen Ross und der Chefredakteur Claus Morhart hat noch nicht mal den Anstand, sich wenigstens telefonisch zu entschuldigen. Hier der komplette Wortlaut der polizeilichen Richtigstellung, die, auf Bruno ist Verlass, nun mal ganz anders klingt, als die drei Ergüsse meiner Lieblingszeitung zum Thema. Der geneigte Leser darf sich gerne selbst seine Gedanken machen und Fortsetzung folgt garantiert!
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Beim Tanzen im Colos-Saal ausgerutscht
Zweiter Geschädigter meldete sich
Aschaffenburg. Aufgrund der Pressenotiz vom 01.02.2010 in der örtlichen Heimatzeitung meldete sich der Unbekannte, der sich in der Nacht von Freitag auf Samstag (29./30.01.2010) bei einem Besuch im Colos-Saal an einer Glasscherbe verletzte.
Wie berichtet hatte eine 18 Jahre alte Besucherin der Musikveranstaltung in der Nacht Anzeige bei der Polizeiinspektion Aschaffenburg erstattet, weil sie gegen 02 Uhr von einem Unbekannten beim Vorbeigehen mit einer abgebrochenen Flasche gestreift und am Arm verletzt worden war.
Vor Ort hatte sich gleich das Sicherheitspersonal des Lokals um die junge Frau gekümmert und die Wunde versorgt. Anhaltspunkte für ein schuldhaftes Beibringen der Verletzung ergaben sich für die Helfer nicht. Nach der Erstversorgung fuhr die Geschädigte zur ambulanten Behandlung ins Klinikum, wo die Verletzung genäht wurde.
Dort traf sie auf einen zunächst unbekannten Mann, der sich auf derselben Veranstaltung aufgehalten hatte und eine ähnliche Verletzung aufwies.
Dieser Besucher erklärte später bei der Polizei, dass er beim Tanzen ausrutschte und in eine Scherbe fiel. Somit bestätigte sich die zunächst getroffene Annahme eines unmittelbaren Zusammenhangs zwischen beiden Verletzungssachverhalten nicht.
Der genaue Geschehensablauf zum Nachteil der 18-Jährigen ist allerdings derzeit noch unklar. Ob bei der Verletzung der jungen Frau ein irgendwie geartetes Fremdschulden zu Grunde lag, ist Gegenstand der polizeilichen Ermittlungen und kann zur Zeit nicht bewertet werden.
Wer dazu sachdienliche Angaben machen kann, wird deshalb gebeten, sich bei der Polizeiinspektion Aschaffenburg, 06021/857-2230, zu melden.
Mit freundlichen Grüßen
Baumann, Michael
(Pressesprecher Polizeiinspektion Aschaffenburg)
5 Kommentare zu “Jack The Bottle Ripper ist ein Phantom”
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Hallo Team,
ich finde es schlicht und einfach erschreckend, was man mit einer solchen Behauptung anrichten kann.
Vor allem im Hinblick darauf, daß die Gegendarstellung im Grunde niemanden mehr interessiert. Diese steht dann meistens irgendwo in irgendeiner Ecke der Zeitung, nur um seiner Pflicht Genüge geleistet zu haben.
Daher finde ich es klasse, daß ihr ein Medium geschaffen habt, um angemessen auf solche Vorwürfe zu reagieren.
Euch allen weiterhin viel Erfolg bei eurem Schaffen und viele Grüße, Michael.
Oh Holla.
Ich habe gerade im Closs-Saal Tickets gekauft und bin über Euren Blog auf dieses Thema gestoßen. Dachte ich zu Anfang noch “Uff, so viel Text, willst Du das jetzt lesen?”, so konnte ich im Laufe der Lektüre die Augen nicht mehr davon lassen. Zu unglaublich liest sich das alles.
Ich kann verstehen, dass ein Redakteur auch gerne mal ein Story schreiben wollte, die das Format zum Krimi hat. Ist doch menschlich. Oft genug kommt das vor Ort sicher nicht vor. Der Hinweis “Based on a true story” in Krimis hat jedoch in aller Regel mehr inhaltlichen Bezug zu den Fakten als das, was bei Euch über das örtliche Tatort-Blatt lief.
Mir ist klar, welcher Lokalfrust die Initialzündung für den Artikel gab. Mir ist auch klar, dass in der Zeitung kein gleichgroß tönendes Dementi erscheinen wird. Zeitungen sind leider so.
Aber dass nicht mal der Dialog aufgenommen wurde, das ist wirklich unwürdig und niveaulos.
Zum Glück gibt es das World Wide Web – based on true storys!
Hallo,
hab grade grinsend den ganzen Artikel gelesen. Klasse! Verstehe sehr gut, dass man sich als Verantwortlicher und noch dazu engagierter Chef richtig über sowas aufregen kann. Aber als Gefährtin eines hochpassionierten Main-Echo-auch-nach-dem-Urlaub-vollständig-Nachlesers kann ich dazu sagen, die Wellen beim geneigten Leser scheinen bei weitem nicht so hoch geschlagen zu sein, wie zu vermuten. Mein Liebster hat davon garnichts bemerkt, und er liest wirklich aufmerksam.
Ich schließe mich da ganz weiblich-cool Pamela an, RELAX !
Und ich werde auch weiter angstfrei vorbei kommen, allein und in Begleitung. Und in dem beruhigenden Wissen, dass es bei euch ausreichend Pflaster gibt
Bleibt cool und viel Erfolg weiterhin !
Fazit: Die sind doch bekloppt!
Hoffnung: Jeder der wenigstens ein bisschen was im Kopf hat weiss, dass das Main Echo es nicht ganz so genau nimmt mit der Wahrheit und außerdem scheint das ja mittleiweile auch schon rumgekommen zu sein…immerhin, die ganze Geschichte ist sogar schon bis nach Argentinien durchgedrungen
Also Kopf hoch, Brust raus, Bauch rein, Ohren steif!
Ascheberg hat wenig Herausragendes zu bieten,pressetechnisch dunkelste Provinz . Was die Schreiber-Crew von der örtlichen “Bäckerblume” angeht, wäre freilich eine Auszeichnung möglich: Für den deutschlandweit erbärmlichsten Lokaljournalismus.