Musentempel als Steuergrab

Wer das Main-Echo regelmäßig liest, wundert sich über die Fülle von Leserbriefen zu religiösen Themen. Es sind zwar oft die Gleichen, die da schreiben und ihre Sicht des wahren Glaubens der geneigten Leserschaft als unumstößliche Weisheit zum Frühstück präsentieren. Aber der Verlag hält diese Auseinandersetzung wohl für immens wichtig. Kein Wunder, war doch der Chefredakteur früher bei einem kirchlichen Blatt angestellt. Auch die Freuden der Jagd scheinen für die Leserschaft  verdammt bedeutungsreich zu sein, die Anhänger des Waidwerks bekriegen sich verbal seitenlang mit den Vegetariern und Tierschützern. Überaus interessant für uns Spessartbewohner.

Andere Themen passen da natürlich nicht mehr ins Blatt. Hier ein Beispiel.
Den Leserbrief, der gleich folgt, hatte ich Mitte November 2009 ans Main-Echo geschickt. Er kam zurück mit der ziemlich barsch formulierten und ohne Signatur versehenen Aufforderung, ihn zu kürzen, er sei zu lang. Das habe ich zähneknirschend gemacht, gedruckt wurde er trotzdem nicht. Ich hatte ihn auch an den Redakteur Peter Freudenberger geschickt, den Autor des Berichtes, auf den sich der Leserbrief bezog. Der wunderte sich in einem Telefonat darüber, warum er von seiner eigenen Redaktion nicht abgedruckt wurde, bot mir aber an, ein Pressegespräch zu dem Thema zu führen.

Der Termin für dieses Gespräch wurde von ihm aber zweimal abgesagt. Ich schätze Peter Freudenberger als Redakteur, Glossenschreiber und Krimiautor sehr, verstehe aber nicht, warum er von dem Thema abgelassen hat. Ich vermute, er wurde von seiner Redaktionsleitung zurück gepfiffen. Es geht immerhin um eine halbe Million Euro, die meiner Ansicht nach von der Stadtverwaltung Aschaffenburg gedanken- und konzeptionslos verschleudert wird – und dies fast jedes Jahr!
Das ist zwar alles schon eine Weile her, aber nach wie vor topaktuell und kommt so ähnlich demnächst auch wieder, garantiert.

Doch urteilt selbst.

Leserbrief zur Berichterstattung über die Verluste der Kongress- und Touristikbetriebe, Ausgabe Samstag, 14. November
Leider ist es nur die halbe Wahrheit, die dem Stadthallensenat in der letzten Woche vorgelegt wurde. Die Stadt muss weit mehr als die im Bericht genannten 370.000,- Euro Verlust aus dem Stadthallenbetrieb drauf legen, denn sie ist über das Kulturamt einer der Hauptmieter der Stadthalle, zahlt dort tatsächlich beträchtlich Miete und gibt somit  insgesamt wesentlich mehr Geld für die Stadthalle aus, als öffentlich bekannt gegeben bzw. im Bericht von Stadthallenchef Lars Wöhler benannt wird.  Auch die Kosten für die Gebäudeinstandhaltung müssten hinzu gezählt werden, um das ganze Ausmaß des jährlichen Finanzdebakels Stadthalle richtig zu beziffern. Warum dies noch nie öffentlich geschehen ist, frage ich mich bereits seit Jahren. Warum noch kein Mitglied des Stadthallensenats darauf insistiert hat, den ganzen alljährlichen Schaden für den Steuerzahler über die Verwaltung beziffern zu lassen, ist mir ebenso ein Rätsel. Weiß das dort niemand? Will es niemand wissen?

Finanzreferent Dr. Gruber darf mir gerne widersprechen, dabei kämen vielleicht endlich mal die richtigen Zahlen auf den Tisch, aber ich vermute, dass die tatsächliche Summe des gesamten alljährlichen Betrages, die aus öffentlichen Mitteln, sprich aus Geldern des Steuerzahlers in die Nutzung der Stadthalle geht, recht nahe an der halben Million ist. Dies schon seit Eröffnung des Baus in ähnlichen Dimensionen jedes Jahr. Kann und darf man sich das weiterhin leisten angesichts der Finanzkrise, die ja nun auch Aschaffenburgs Haushalt schwer getroffen hat?

Der Oberbürgermeister, der Stadthallensenat, der Finanzreferent und der Stadthallenleiter erfüllen ihre gesetzlich vorgeschriebenen Aufgaben nicht mehr, wenn sie nicht sofort dieser Entwicklung entgegensteuern und alles tun, das Defizit schnellstens zu senken. Immer mehr Personal, immer höhere Verluste, da klingt es wie ein schwarzer Witz, wenn Lars Wöhler sagt, „mit dem jetzigen Personalstand könnten die Kongress- und Touristikbetriebe verstärkt strategisch planen“. Denn da gibt es nichts zu planen, da muss gehandelt werden.

Es gibt keinen Königsweg um solch einen Bau komplett in die schwarzen Zahlen zu fahren. Aber es gibt Konzepte, wie man mit einer Veranstaltungshalle wesentlich bessere Umsatzzahlen erzielen kann, als das bisher der Fall war. Die Stadthallenverwaltung tritt bisher fast nur als Vermieter auf und vergibt die Räume an private Veranstalter, die damit Geld verdienen. Ja warum um Himmels willen kommt denn keiner der Aschaffenburger Entscheidungsträger auf die wirklich sehr schlichte Idee, die Räume selbst zu nutzen, selbst Veranstaltungen anzubieten, selbst damit Geld zu verdienen, dadurch den Steuerzahler zu entlasten und vielleicht als schönen Nebeneffekt gleichzeitig das Programmangebot der Stadthalle aufzupolieren.

Mein Kollege Axel Teuscher vom Kabarett am Hofgarten zeigt seit Jahren der Stadt, wie das geht. Ich selbst mache es erst seit einem Vierteljahrhundert – vielleicht zu wenig Zeit für eine Verwaltung, sich das abzuschauen.  Sowohl Hofgartenkabarett als auch Colos-Saal wären längst pleite, würden wir ausschließlich auf Vermietung setzen. Nein, wir können nicht am Telefon darauf warten, bis der nächste Interessent anruft. Wir müssen uns mit unserer kompletten Mannschaft täglich unter Volleinsatz überlegen, wie wir unsere Räume mit Programmangeboten füllen, die die Menschen begeistern und für die sie bereit sind, in Scharen zu kommen und Geld dafür auszugeben. Bei uns kommt nicht am Monatsersten der Scheck der Stadtverwaltung und zahlt uns und unser Personal, wir sind gezwungen, erfolgreich darüber nachzudenken, was dem kulturinteressierten Publikum so alles gefallen könnte. Und wir müssen auch täglich Wege finden, wie wir aus dem Rest der Bevölkerung neue Kulturinteressenten machen können.

Die Stadtverwaltung müsste doch nur mal rüber schielen, in den Rossmarkt und in die Hofgartenstraße und sich das Prinzip abschauen: Programmangebote für ihren Saal entwickeln, auf Qualität setzen, intensiv bewerben und die Menschen dafür begeistern. Andere Städte haben das längst verstanden, stellen für ihre defizitären Hallen Programmmacher ein und verbessern damit ihre Einnahmenseite. Aschaffenburgs Verwaltung und Stadtrat hat zwei äußerst erfolgreiche Beispiele direkt vor der Nase und will es trotzdem nicht begreifen. Der Veranstaltungsmarkt ist ein Zukunftsmarkt mit hohen Wachstumsraten und kein Gesetz verbietet es einer Kommune mit defizitärer Halle, sich daran zu beteiligen. Ihr Entscheidungsträger für die  Stadthalle braucht einen guten „Booking Agent“ und wenn Ihr den nicht findet, dann sprecht halt mal mit Hofgarten und Colos-Saal. Wir sind bereit zu einer public-private partnership! Wir helfen gerne und zeigen euch, wie man mit Programmangeboten Geld verdient und dabei den Stadthaushalt entlastet.

Mir ist schon bekannt, dass Kommunen bei Kulturangeboten bislang nur gelernt haben, Geld auszugeben. Einnahmen sind irgendwie gar nicht vorgesehen. Da muss halt jetzt endlich mal wirtschaftlich umgedacht werden, sonst werden wir das „traurige Bild“, das laut Kommentator Peter Freudenberger der Stadthallensenat wieder mal abgegeben hat, bei jeder weiteren Sitzung erneut erleben, und der Streit zwischen den Parteien, von denen bislang noch keine einen vernünftigen Lösungsvorschlag gemacht hat, wird jedes Jahr heftiger.

Claus Berninger

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