Overhoff und die Tortentheorie

Ganz ohne das Thema „Essen“ schafft es Jürgen Overhoff, der selbsternannte Gourmetpapst des  Main-Echos wohl nicht mehr. Doch bevor ich auf seine bescheuerte Tortentheorie eingehe, frage ich erst mal, welche journalistische Sau er mit seinem Aschaffenburger Streifzug in der Ausgabe vom 12.7. durchs Dorf zu treiben gedenkt? Unter der Überschrift „Das Mehr in uns“ schreibt er völlig zusammenhangslos über „die gierige Natur des Menschen“, über den „Defekt der Gattung“ Mensch, über „Macht besoffene Politiker“, über „Sexus“, „Polygamie“ und “die Kultur des Seitensprungs“, um dann plötzlich bei mir zu landen.

Geht‘s noch, Jürgen? Zu viel Molekularküche intus? Wie wäre es denn mit journalistischen Hausaufgaben, Recherche, Untersuchung, Nachfragen und Nachhaken? Zu mühsam mit vollem Bauch? Ist es nicht Aufgabe von Lokalredakteuren, der Politik auf die Finger zu schauen und eventuelle Fehlentwicklungen auch als solche zu benennen? Korrumpiert die tägliche Nähe des Lokaljournalisten zu den Entscheidern in der Stadt nach und nach das kritische Denken, aus Angst, bei Missgefallen vom Informationsfluss abgeschnitten zu werden?
Kostet es zu viel Energie, redaktionell den Finger in die Wunde zu legen und im Sinne des Steuerzahlers/Lesers ein paar Fragen zu stellen, wie diese?
Gibt es systemische Fehler im „Geschäftsmodell“ der städtischen Kongress- und Touristikbetriebe, die Jahr für Jahr die Bilanz verhageln? Warum verursacht die Abteilung  Veranstaltungsmanagement jährlich herbe Verluste bei der Ausrichtung von kommunalen Groß-Events, bei denen von Dritten viel verdient wird? Warum steigen die Ausgaben der Touristinfo? Warum gehen die Buchungen der Stadthalle zurück, trotz massiver und kostspieliger, offensichtlich aber erfolgloser  Teilnahme an Tourismus-Messen? Warum beklagen immer mehr Nutzer der Stadthalle die serviceunfreundliche Umgebung? Warum tauchen in nichtöffentlicher Sitzung Zahlen auf, die nichts anderes belegen als finanzielle Merkwürdigkeiten zugunsten einzelner Interessengruppen und zu Lasten des städtischen Betriebes? Zu letzterem darf ich als Stadtrat noch nicht einmal Ross und Reiter nennen, weil ich in nichtöffentlicher Sitzung davon Kenntnis erhalte.

Stattdessen ist es wohl einfacher, sich einen einzelnen Stadtrat heraus zu picken und zu versuchen, ihn grundlos öffentlich bloßzustellen. „Nicht dass wir dem Musik-Manager unterstellen wollen, er hätte bei dem Mehr an städtischen Events auch ein Mehr für seinen eigenen Club im Sinn gehabt. Auf keinen Fall hatte er das“. Das schrammt aber jetzt sowas von knapp an einer Unterlassungserklärung vorbei, wäre ich so prozessfreudig wie manche Zeitgenossen.

Nicht, dass ich jetzt unserem Journalisten unterstellen wollte, er wolle damit behaupten, ich mache den Vorschlag, um mich zu bereichern. Auf keinen Fall tut Overhoff das. Es wäre ja auch wirklich unglaublich dämlich, aus meiner schlichten Idee, die Kongress- und Touristikbetriebe sollten versuchen, mit Gewinnen aus eigenen Veranstaltungen bei besserer Ausnutzung der eigenenen Produktionskapazit (Stadthalle) einen cleveren Weg  zusammen zu phantasieren, wie dabei Geld in meine gierige Tasche wandern könnte. Die schlichte Idee wird übrigens von Hundertschaften privater und kommunaler Veranstalter in unserem Land längst erfolgreich praktiziert und die Kollegen sind umso erfolgreicher, wenn sie ihre eigenen Hallen und Säle nutzen können und sich somit jegliche Mietkosten ersparen.

Was Overhoff angeblich nicht sagen will und dadurch ziemlich deutlich seinen Lesern suggeriert, entbehrt jeglicher Logik. In meinen Augen ein anderer und oft zu erlebender „Defekt unserer Gattung“. Journalismus ist das nicht mehr. Häme und Unterstellung schon eher. Um es noch mal zusammen zu fassen: Ich fordere die Stadt aufgrund der desolaten Finanzsituation des Eigenbetriebes zu mehr kultureller Eigenaktivität in der Stadthalle auf, und Overhoff konstruiert daraus ein „Mehr“ für meinen eigenen Laden. Das muss er mir und seinen Lesern dann doch mal erklären.

Aber es kommt ja noch doller im Streifzug. Neben seiner ureigenen journalistischen Kompetenz beweist Overhoff auch noch seine vorurteilsbehaftete Ahnungslosigkeit und mangelnde Sachkunde. „Film- und Museumsnächte, Kultur- und Gitarrentage“ bezeichnet der Herr Redakteur als „Heimsuchung“, „Musik, Kabarett, Ausstellungen und Theater“ als „ganz normaler Wahnsinn“. Wie dürfen wir das verstehen? Genug der Kultur? Das Boot ist voll? Rien ne va plus?„Die Vernunft“ müsse „ihre Stimme erheben“ und gemeint ist wahrscheinlich die Stimme Overhoffs, erhoben in einem launisch-moralinverseuchten und ziemlich misslungenen Versuch einer Glosse.

Dabei könnte er jederzeit nachlesen, welch ein Wachstumssegment der Veranstaltungsmarkt heutzutage ist und in welchem Umfang sich jährlich immer mehr Menschen davon angesprochen fühlen. Zahlen und Daten darüber gibt es öffentlich. Außerdem könnte er sich einfach mal die Entwicklung im eigenen Städtchen anschauen. Hier hat nämlich eine erstaunliche Kulturvermehrung seit Anfang der 80er Jahre stattgefunden. Zur damals ziemlich exklusiven Bühne des Stadttheaters kamen im Lauf der Jahre viele weitere dazu, Colos-Saal, Kabarett am Hofgarten, Junge Bühne, JuKuz, Stadthalle, Unterfrankenhalle, sowie diverse Off-Theater und subkulturelle Initiativen. Wenn wir die Filmkunst noch mit zu den kulturellen Veranstaltungen dazu nehmen wollen, sollten wir die Erfolge von Kinopolis und Casino noch erwähnen. Erstaunlich Herr Overhoff, oder? Der Kuchen wird immer größer, alles existiert friedlich nebeneinander und findet sein Publikum, weil Veranstalter geschickt kulturelle Nischen, Freiräume, Themen und Genres besetzen.

Mehr Angebote im kulturellen Bereich bedeuten sehr wohl mehr Besucher.  Hätte Jürgen sich die Mühe gegeben und ein paar erfolgreiche Veranstalter angerufen, hätte er sicher auch erfahren, dass moderne Kulturmenschen nicht mehr in der Kategorie „Konkurrenz“ über ihre Kollegen denken, sondern die Tätigkeiten anderer Veranstalter als befruchtend für die eigene Arbeit und ihren langfristigen Erfolg ansehen – zumindest wenn sie nachhaltiges Denken praktizieren. Auch kulturelle Partizipation will erst mal erlernt sein und ohne Kultur gibt es da nichts zu lernen. Da bleibt der Fernsehsessel für den emotionalen Kick.

Viele hiesige Veranstalter kooperieren eng, sprechen sich gut ab und helfen sich untereinander aus. Resultat: das Publikum wächst und wächst. Die kulturelle Diversifikation wird auch noch viel  weiter gehen, denn längst sind nicht alle kulturellen Nischen in Aschaffenburg besetzt, wie die zahllosen unerfüllten Veranstaltungswünsche und Vorschläge aus dem potentiellen Publikum uns Veranstaltern täglich beweisen.

Wenn unser Redaktionsgourmet also satt ist und daher mit der faszinierenden kulturellen Kuchenvermehrung nichts mehr anfangen kann, dann ist das sein persönliches Problem. Er kann ja gerne zuhause bleiben, sich weiterhin an humorfreien Glossen versuchen oder wirre Moralpredigten schreiben. Als neugewählter Stadtrat musste ich aber lernen, dass es meine verdammte Pflicht ist, auf vermeidbare Ausgaben von Steuergroschen der Allgemeinheit hinzuweisen und Lösungsvorschläge zu machen. Ob die überhaupt gehört, angedacht, überprüft werden und schließlich eine Mehrheit finden, ist wieder eine andere Geschichte.

Mit 30 Jahren Berufserfahrung in genau dem Segment, teile ich übrigens gerne und kostenlos mit den interessierten Stadträten und der Verwaltung die Erkenntnis, wonach eigene Veranstaltungen zur Refinanzierung der Sach- und Lohnkosten eines Veranstaltungsbetriebes keine so blöden Ideen sind. Notfalls erkläre ich sie auch en detail gewissen Lokalredakteuren mit Hang zur Hybris, persönlichen Ressentiments und auf Kreuzzug gegen die Gier und ihre vermeintlichen Protagonisten.

Ein Gedanke zu „Overhoff und die Tortentheorie“

  1. Sehr gute Replik! Übrigens gibt es noch mehr Subkultur in Sachen von Veranstaltungen wie Barfußdiscos oder Ü40-Discos, die oftmals richtig voll sind, aber leider in offiziellen Veranstaltungsbereichen bislang nicht auftauchen. Und wegen anderer spezifischer Tanzevents muss man Frankfurt oder gar Köln heimsuchen, weil hier in AB massiv Mangel herrscht.

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