Pracht und Glaube -

eine Aschaffenburger Ausstellung – wird in dem unten abgebildeten Main-Echo Artikel vom 30.1.2010 mit der Überschrift „Stiftsschatz als Besuchermagnet“ thematisiert. Der Zeitungsbericht wurde damals weder kommentiert, noch folgten ihm irgendwelche Leserbriefe. Die Zahlen in dem Artikel sind aber so schön, dass ich im Folgenden den Bericht ein wenig umgeschrieben (und gleich auch kommentiert) habe.

Prächtige Zahlen …

… hat der Kultur- und Schulsenat der Stadt Aschaffenburg bei seiner letzten Sitzung anstandslos geschluckt. Es ging um die Ausstellung „Pracht und Glaube“ und den hierzu fertig gestellten Umbau des Siftsmuseums. Im Glauben an die problemlose Korrekturfähigkeit vorhandener Finanzplanungen ist man doch gleich mal um etwa 100.000,- Euro übers Ziel hinaus geschossen (“unerwartete Mehrkosten”). 150.000,- Euro wurden für die Aktion vor einem Jahr bewilligt, 250.000,- wurden aber ausgegeben.

Bei der ursprünglichen Planung hatte man offensichtlich nicht an die sachgemäße Sicherung des Cranach Altars gedacht (22.000,- Mehrkosten), außerdem kam man während des Baus darauf, dass man für 15.000,- die Decke des Gemälderaums um 60 cm anheben könne, um „die ursprüngliche Situation“ hin zu kriegen. 15.000,- fehlten, weil der Bezirk mit seiner Kulturstiftung nicht ganz so spendabel war, wie vorgesehen. Und sage und schreibe 46.000,- Euro für die Öffentlichkeitsarbeit, sprich Werbekosten,  hat man bei der ursprünglichen Planung komplett vergessen.

Diese Werbekosten haben sich dann aber wirklich gelohnt, ist es doch gelungen, in drei Monaten 3600 Besucher anzulocken, die bereit waren insgesamt 4319,- Euro Eintritt zu zahlen. Gut 46 Besucher also pro Öffnungstag, dies gegenüber 10 Besuchern pro Öffnungstag im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Mit anderen Worten: 12,77 Euro hat den Steuerzahler jeder der 3600 Besucher alleine an Werbeausgaben gekostet. 1,20 Euro hat jeder Besucher im Schnitt Eintritt bezahlt (wie das bei einem reduzierten Eintrittspreis von 1,50 Euro funktioniert, wurde nicht diskutiert) und somit ein Zehntel des Aufwands zurückgezahlt. Ein Besuchermagnet also!

Wie macht es nun eine Verwaltung, 100.000,- Euro Mehrkosten aus Planungsfehlern zu verdauen? Da gibt es im Kulturbereich willige Spender, die unter die Arme greifen: 35.000,- kommen von der knauserigen Kulturstiftung des Bezirkes Unterfranken, 10.000,- von der Sparkasse (sitzt da nicht der OB im Verwaltungsrat?), 12.000,- von der AVG (auch da hat die Stadt ein Wörtchen mitzureden), 20.000,- vom Förderkreis Stadtmarketing (ist da nicht der OB Vorstand?) und 17.000,- aus kirchlichen Kreisen (kein Wunder bei dem Motto „Pracht und Glaube“). Und der Rest? Dazu gibt es „Mittel des Nachtragshaushaltes“, ganz einfach!

Das Ganze könnte noch teurer werden. Museumsleiter Dr. Thomas Richter will „jetzt … die überregionale Werbung für die Pracht und Glaube-Schau intensivieren“, räumt aber ein, „dass das Interesse in den kommenden Monaten nachlassen werde, wenn die erste Neugier gestillt“ sei.
Und wie steht das Kontrollorgan unserer Verwaltung, in diesem Falle die Mitglieder des Kultur- und Schulsenats, zu diesem Zahlenwust? Vermutlich halten sie diese Aktion für ein gelungenes Beispiel von überregionalem Stadtmarketing. Main-Echo Redakteur Alexander Bruchlos schreibt hierzu: „Die Stadträte begrüßten die gute Resonanz auf „Pracht und Glaube“. Kritische Wortmeldungen gab es offensichtlich keine.
Glaube versetzt eben Berge und die Pracht von 1065% Werbekosten für 100% Einnahmen ist wirklich nur im öffentlichen Kulturbetrieb denkbar, Private würden solche Zahlen recht schnell in die Pleite treiben.

Hier mein Angebot an Dr. Thomas Richter: Die nächste thematische Sonderausstellung bewirbt das Colos-Saal-Team mit intensiver Pressearbeit und seinem Newsletter gratis mit, wenn das Museum im Gegenzug dafür 46.000,- Euro angedachte Werbekosten an die lebenden Kunstschaffenden Aschaffenburgs ausschüttet und mit dem Betrag einige ihrer Werke und Projekte ankauft. So wie ich unsere Klientel kenne, traue ich mindestens 10% unserer Newsletter-Empfänger zu, offen für eine Sonderschau über Aschaffenburger Kunstschätze zu sein. Das wären ca. 3600 potentielle Besucher.

4 Gedanken zu „Pracht und Glaube -“

  1. Das ist ja wirklich abenteuerlich, mit welcher Leichtfertigkeit hier das Geld der Steuerzahler ausgegeben wird. Ergänzend zum Vorschlag von Claus Berninger folgende Marketingidee. Jeder Besucher erhält beim Eintritt die 12 Euro Werbekosten ausgezahlt, mit der Bitte, das möglichst vielen Leuten weiterzusagen. Eine Pressemitteilung darüber an entsprechender Stelle lanciert, und ich bin sicher, die nächste Ausstellung hat mehr Besucher.
    Wer klopft denn den Geldausgebern auf die Finger, und wer berichtet über solche Vorkommnisse ? Wir sind wohl inzwischen schon so abgestumpft bei öffentlicher Mittelverschwendung, dass das gar nicht mehr wahrgenommen wird.

  2. Die Besucherzahlen sind nicht verwunderlich, wenn man die definitiv nicht zeitgemäße Ausstellungsaufbereitung des Stiftsmuseums kennt, die selbst wohlwollenden Museumsbesuchern ein müdes Gähnen ins Gesicht treibt. Da ist inzwischen museumspädagogisch so viel mehr möglich und damit auch eigentlich das Potential gegeben, mit gleichem Ausstellungsinhalt mehr Menschen anzusprechen. Aber das Stiftsmuseum hat da ja augenscheinlich keinerlei Bedarf an Veränderungen.

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